JES Wanne-Eickel

Texte

Drogenproblematik: Erinnerung an die Opfer

Herne, 22.07.2010, Bernd Nickel

Eine vielbeachtete Premiere, denn die Leute von JES hatten sich mit Kranz und Infostand auf der Hauptstraße in Höhe des Buschmannshofes platziert. „Die Ortswahl hat zwei Gründe“, sagt Guido Truszkowski (42) einer der zwei Gründer der Wanne-Eickeler JES-Gruppe und erläutert: „Hier in der Fußgängerzone erreicht man die meisten Leute und außerdem ist hier am Buschmannshof ein Treffpunkt für die Szene.“ JES das steht für Junkies, Ehemalige, und Substituierte. Schlägt man im Duden unter „substituieren“ nach, so erfährt man, dass das Verb für „einen Wechsel/Austausch vornehmen“ steht. Im Zusammenhang mit Drogen bedeutet es, von einer illegalen Droge, Opiaten wie Heroin, auf Drogenersatzstoffe wie etwa Methadon zu wechseln.

Der Wanne-Eickeler Guido Truszkowski schätzt die Zahl der Substituierten in Wanne-Eickel auf etwa 300 und erzählt: „Seit ich 18 war, bin ich drogenabhängig. Heroin – Koks auch, das war aber immer eher Luxus. 40 Monate habe ich mich therapieren lassen. Aber das hat nichts gebracht. Erst als ich vor 15 Jahren in ein Methadonprogramm gekommen bin, ging’s mir besser. Ich konnte sogar arbeiten – bei Opel am Band als Monteur.“ Mittlerweile ist der Vater eines erwachsenen Sohnes Rentner. Er klopft auf sein rechtes Bein. Es klingt hohl. „Ein Unfall.“ Das war’s dann mit dem Arbeitsleben. Das Methadon-Programm nutzt der weiter. „Ohne unseren Doktor Plum und seinen Kollegen Blumenthal, die sich hier um die Substituierten kümmern, wären noch viel mehr von uns längst tot“, stellt Guido Truszkowski fest und sein Kollege Odo Preikschat (54) pflichtet ihm bei.

Auch der Herner hat eine leidvolle Drogenkarriere hinter sich: „Ich werde seit 20 Jahren substituiert, die letzten zwei Jahre mit Polamidon. Zwischendurch bin ich mal rückfällig geworden. Seit 1995 bin ich bei Doktor Plum in Behandlung. Da hatte ich dann erstmals seit 35 Jahren nichts mehr mit der Polizei am Hut. Bis dahin bin ich alle fünf Jahre in den Knast 80, 85, 90, 95 – Beschaffung, Einfuhr, BTM-Verstöße.“ Wenn er entscheiden musste Knast oder Therapie, ist er lieber in den Knast gegangen. „War besser so. In den 80er und 90er Jahren haben sie viele tottherapiert. Dann, 1995 eben mit Doktor Plum, war endlich Schluss“, sagt Odo Preikschat.

Auch wenn er nun schon 15 Jahre ohne illegale Drogen lebt, so haben sie doch Spuren hinterlassen. Er spricht langsam und die Farbe seiner Haut zeugt nicht gerade von Gesundheit. Dass Odo Preikschat und Guido Truszkowski sich trotzdem im November 2009 aufgerafft und die Wanne-Eickeler JES-Gruppe gegründet haben, erklärt der Letztgenannte so: „Man kann sich doch nicht hängen,lassen muss doch seinen Tag irgendwie strukturieren. Deshalb setzen wir uns für unsere Bekannten aus der Szene ein, dass vielleicht mal in Wanne ein Raum zur Verfügung gestellt wird. In anderen Städten gibt es das längst.“ Und Thomas Goldmann, dessen Arbeitgeber , das Eickeler St. Marien Hospital, sich seit dem 1. Februar 2010 um die psychosoziale Betreuung der Substituierten kümmert, kann diese Forderung nur unterstützen: „Ein Raum für die Betroffenen als niederschwelliges Angebot ist längst überfällig.“

Quelle: Der Westen

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